"eins: zum andern – ein Gesprächsexperiment zwischen Lyrik und Wissenschaft"*

Konferenz des Netzwerk Lyrik e.V. in München

 

"eins: zum andern – ein Gesprächsexperiment zwischen Lyrik und Wissenschaft"*
Konferenz des Netzwerk Lyrik e.V. in München

 

Informationen zu den Anmeldemöglichkeiten für die Veranstaltungen finden Sie unter
www.lyrikundwissenschaft.de
 
Ein Projekt von Netzwerk Lyrik e.V. in Kooperation mit Bayerische Akademie der Schönen Künste, Bayerische Akademie der Wissenschaften, Lyrik Kabinett München, Ludwig-Maximilians-Universität München, Universität Hamburg, Universität und Literaturhaus Leipzig, Universität Fribourg (CH) und Universität Trier, Adalbert Stifter Verein, Alexander von Humboldt Stiftung, Kunstverein München, Österreichisches Kulturforum.


Kuratiert von Alexander Rudolph / Tristan Marquardt,  Christian Metz und Anja Utler
*Karin Fellner. eins: zum andern. Gedichte. Köln 2019

 

Die Konferenz akzentuiert das Gespräch zwischen Gegenwartslyrik und Wissenschaft neu.

Zur Debatte stehen die Eigenständigkeit und der Stellenwert von Lyrik im Ensemble der Künste und Medien. Wobei Eigenständigkeit hier nicht mehr nur im Hinblick auf die Gattung, sondern praxeologisch gedacht ist, und somit spezifische Weisen der Produktion, der Rezeption, aber auch der Distribution, der Interaktion und der Institutionalisierung umfasst. Was zeichnet in diesem Sinne die Lyrik heute aus? Was sind ihre Praktiken und Institutionen? Was ist ihre gesellschaftliche Funktion? Welche Rolle nimmt sie innerhalb einer Ästhetik der Gegenwart ein? Und umgekehrt, aus der Warte der Gegenwartslyrik gesprochen: Welche Anliegen hat die Lyrik? Was sind ihre Vorgehensweisen? Was sind ihre ästhetischen und gesellschaftlichen Gründe dafür? Wie interagiert sie mit anderen Künsten

 

Welche Medien nutzt sie aufgrund welcher Präferenzen? Wie interagiert sie mit den Wissenschaften? Welche gemeinsamen Erkenntnisinteressen und -vermögen gibt es? Wo gehen sie auseinander? Inwiefern sprechen Lyrik und (Lyrik-)Forschung dieselbe Sprache? Schreiben sie in der gleichen Weise? Und wo trennen sich die beiden Denk- und Schreibweisen?

 

Um diese Fragen zu beantworten und gemeinsam neue Fragen, Arbeitsweisen und Erkenntnisziele zu entwerfen, führt die dreitägige Konferenz die Denkformen von Lyrik und Wissenschaften mit Hilfe unterschiedlichster Formate zusammen: das poetische Denken der Lyriker:innen und das Denken der Literaturwissenschaftler:innen, Medientheoretiker:innen, Ästhetiker:innen oder auch Soziolog:innen, Politolog:innen oder auch Biolog:innen sollen sich aneinander anlehnen, ineinander verschränken, aneinander reiben, oder mit einander kollidieren – auf dass es knallt.

 

Die Konferenz will einen Möglichkeitsraum und zugleich eine (öffentliche) Bühne bieten, damit sich die diversen Diskurse und Denkweisen vor Ort ereignen können. Es geht also nicht darum, bereits entwickelte wissenschaftliche und poetische Positionen zur Tagung mitzubringen und dort auszutauschen. Vielmehr sollen die Denkweisen und Positionen anhand von poetischen Texten/Performances erst entfaltet und gewonnen werden. Die verschiedenen Produzent:innen treten in einen Dialog, um zu erörtern, welche gemeinsamen Arbeitsweisen und Projekte es überhaupt gibt oder in Zukunft geben kann.

 

Wie lässt sich das Verhältnis zwischen Lyrik und Wissenschaften denken und gestalten sowie in verschiedene Praktiken, langfristige Strukturen und Institutionen umsetzen? Welche Arbeitsweisen etwa könnten die Zusammenarbeit neu strukturieren und ausrichten: jenseits von Poetikdozenturen oder einzelnen Gastauftritten von Lyriker:innen in einzelnen Seminaren?

 

 

Um diese Punkte zu diskutieren, sie zugleich im Experiment offener Gespräche und der Praxis tatsächlicher Zusammenarbeiten zu befragen und kritisch zu hinterfragen, bietet die Konferenz eine Vielzahl verschiedener Formate vor Ort: vom Workshop für Nachwuchsforscher:innen und Lyriker:innen über öffentliche Panels, Vorträge und Response bis zur Entwicklung von gemeinsamen Forschungsprojekten und gegenseitigen kritischen Reflexionen. In dieser Weise changiert die Konferenz selbst zwischen Gespräch, Experiment und Vortrag. Vielleicht schon eine mögliche Gesprächsform zwischen Gegenwartslyrik und Wissenschaft.

 

(Der Titel der Konferenz, „eins: zum andern“, zitiert den gleichnamigen Gedichtband der Dichterin Karin Fellner. Parasitenpresse, Köln 2019)

Das Programm:

Donnerstag, 16. September 2021

14.00-16.00

Eröffnung

 

Wie aber das Gespräch beginnen?

Podiumsdiskussion

Das Verhältnis von Lyrik und Literaturwissenschaft ist ein ebenso spannungsreiches wie spannendes. Einerseits gibt es Vorbehalte: in der Literaturwissenschaft, sich auf ein Gespräch mit Gegenwartslyrik einzulassen, und in der Lyrik gegenüber akademischen Perspektiven. Andererseits wird in Projekten, Veranstaltungen und Publikationen in den letzten Jahren der Austausch gesucht. Aber wie und worüber kommen Lyrik und Literaturwissenschaft ins Gespräch? In welchem Rahmen ist Austausch möglich, welche Bedingungen begünstigen ihn? Was könnten oder sollten seine Ziele sein? Und wo fängt man überhaupt an?

 

Diskussion: Tobias Döring, Karen Leeder, Karin Fellner, Uljana Wolf

Moderation: Alexander Rudolph / Tristan Marquardt

 

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Auftaktperformances

Gespräche entwickeln sich in Freiräumen, wo Begriffe und Positionen beweglich und hinterfragt werden dürfen, sich verändern, einander annähern, differenzieren können. Wir schaffen Platz und reflektieren die Bedingungen in der Übertragungsbewegung von „eins: zum andern“: performativ, musikalisch, poetisch.

 

Büro für überflüssige Worte“ – Poetisch-Bürokratisches Projekt

Dirk Hülstrunk  - Das Büro bleibt die ganze Konferenz über aktiv.

Räumen Sie Ihre Sprache auf! Auch in Wissenschaftssprache und Lyrik finden sich überflüssige, unnötige, unschöne, aufgeblasene, abgenutzte und veraltete Wörter, Modewörter, Füllwörter, nichtssagende Floskeln, Euphemismen, Kitsch, Klischees oder verletzende Wörter. Büroleiter Dirk Hülstrunk hält Stempel, Karteikarten und Topfpflanze bereit, nimmt Ihren persönlichen Wortmüll entgegen und tauscht ihn gegen brandneue, unbenutzte Wörter. Die abgegebenen Wörter werden registriert, abgestempelt und einem bürokratisch-poetischen Recycling zugeführt.

 

Narration und Notwendigkeit | Lyrikperformance / Musik | Rhetorische Freiheit (!) | Erholung

Lisa Jeschke & Emre Dündar

Der Komponist Emre Dündar und die Lyrikerin Lisa Jeschke treffen aufeinander, um „Narration" als Ort zu erkunden, an dem sich Denken, Klang und Gesellschaft neu formen. Basis sind Dündars Beschäftigung mit antiken rhetorischen Traditionen und Jeschkes Interesse an argumentativ abgründiger Rede als Lyrik. Sprache wird Musik, Musik Sprache.

 

 

Do. 16.30-18.00 

Synergien - Welche Wissenschaften sprechen mit „der“ Lyrik?

Podiumsdiskussion

Zwischen Lyrikforschung und Lyrik wird der Austausch stets auch von dem Faktum bestimmt, dass die Gedichte Untersuchungsgegenstand der Forschung sind. Allerdings bestehen auch andere faszinierende Austauschmöglichkeiten: zwischen der Lyrik und dem ganzen Spektrum der wissenschaftlichen Disziplinen. Verschiedentlich werden hier Begegnungen gepflegt, etwa bei Podiumsdiskussionen zwischen Schriftsteller:innen und Klimaforscher:innen, auf Symposien oder in Schriftenreihen. Aber welche Ziele verfolgen solche interdisziplinären Projekte? Können sich poetisches und wissenschaftliches Denken tatsächlich in einen Dialog begeben, der auf beiden Seiten Denkgewohnheiten modifiziert? Oder ist in einer ausdifferenzierten Wissensgesellschaft der Wunsch nach Synergien zwischen weit entfernten Disziplinen letztlich naiv?

 

Diskussion: Sylvia Geist, Klaus Mecke, Katja Mellmann, Daniela Seel

Moderation: Andrea Grill

 

Do. 16.30-18.00

Modellbau - Kooperationsvorbilder historisch und international

Vorträge

Vergleichen hilft! Drei Vorträge erlauben einen Blick über den zeitlichen und räumlichen Tellerrand. Beleuchten Kooperationstraditionen zwischen Dichtung und Wissenschaften, wie sie anderswo entwickelt wurden; fragen, welche Rolle Studiengänge für literarisches Schreiben oder Praktiken des artistic research in diesem Dialog spielen können; und zeigen, welches Wissen historische Vorbilder für uns parat halten. Die Ausblicke gewähren:

Tobias Bulang (D): Die Appropriation des Wissens und seine Transformation ins Gedicht. Heinrich von Mügeln im Kontext

Fiona Samspon (UK): ...

Sofia Gräsberg (SE):  “It is impossible, you say // But I know / you can’t know that“ - Introduction to a few of the practices used in Literary composition, University of Gothenburg”  (Vortrag auf Englisch)

 

Do. 19.00

Sensing....“: l’animot | Archiv | (An-)Bindungen | das Atom | Öffentlichkeit | CO2

Die formativen Kräfte unseres Alltags sind nicht selten omnipräsent und diffus zugleich. Sie sind das, was sich hinterrücks vollzieht, uns den Rücken stärkt oder in ihn (ein-)fällt. Ihre Bezeichnungen sind wechselhaft, je nach Zeitschicht und Mode ist von Systemen oder Netzen die Rede, von Hyper-Objekten, Fluidum oder Prägekräften. Erst im Zugriff aus verschiedenen Blickwinkeln lässt sich die schillernde Komplexität solcher Phänomene partiell erfahrbar machen. Für „Sensing…“ haben deshalb Kooperationspaare aus Wissenschaft und Dichtung je einen Begriff in die perspektivische Zange genommen. Nun geben sie Einblick in ihren Arbeitsprozess und beleuchten die Konturen „ihres“ Begriffs unter dem speziellen Blickwinkel ihrer persönlichen und fachlichen Hintergründe.

 

Mit Susanne Abel & Sylvia Geist, Klaus Mecke & Christiane Heidrich, Friederike Reents & Lütfiye Güzel, Judith Siegmund & Mara Genschel, Peer Trilcke & Brigitte Oleschinski, Michael Waltenberger & Mara Daria Cojocaru

Moderation: Anja Utler

 

Freitag, 17. September 2021

10.00-12.30

Was ist eigentlich poetisch?

Diskussion

Während die Lyrikforschung sich in den vergangenen Jahren beeindruckend intensiv der Erschließung der Lyrik zugewandt hat, differenzieren sich gleichzeitig die poetischen Ansätze zunehmend aus. Die Frage, was poetisches Sprechen auszeichnet, wird kontrovers diskutiert, beginnend beim Grundsätzlichen: Existieren ein ‚genuin poetisches’ Sprechen und Denken überhaupt? Mit welchen Begriffen könnte man ihm begegnen? Worin besteht das Inkommensurable, Widerständige der Lyrik? Welcher Lyrik - und wie viele gibt es? Worauf können sich Dichter:innen und Wissenschaftler:innen hier einigen?

 

Gespräch: Frieder von Ammon, Josefine Berkholz, Nico Bleutge, Ricardo Domeneck, Claudia Hillebrandt, Nadja Küchenmeister, Marc Matter, Ralph Müller, Alexandra Tretakov

Moderation: Uljana Wolf

 

 

Fr. 14.30-16.00 

Einander lesen 1: Sprachliche Konventionen und Innovationen in Lyrik und Wissenschaft

Gespräch

Texte müssen sprachlich und in ihrer Gedankenentwicklung als „Wissenschaft“ bzw. „Lyrik“ erkennbar sein, um in den jeweiligen Diskurszusammenhängen rezipierbar zu werden. Gleichzeitig ist stets der Wunsch nach Abweichung und Erneuerung wirksam. Wie stellen poetische bzw. wissenschaftliche Texte heute Autorität und Rezipierbarkeit her? Oder, anders gewendet: Was sind die Moden und ‚was geht gar nicht’? Stehen bestimmte sprachlich-gedankliche Gewohnheiten mancher Neuperspektivierung im Weg? Und wie unterscheiden sich hier Wissenschaft und Lyrik? Können Importe aus der je anderen Disziplin für Erweiterungen und Perspektivverschiebungen sorgen?

 

Gespräch: Jörg Döring, Steffen Popp, Christian Uetz

 

 

Einander lesen 2: Vielsprachig denken in Lyrik und Wissenschaft

Gespräch

Vielsprachigkeit zieht sich durch die Poesie der Gegenwart, auch als wissenschaftliche Fragestellung ist Mehrsprachigkeit derzeit sehr präsent. Dabei wird Vielsprachigkeit nicht selten Thema und Mittel zugleich. Aber wie verhalten sich die Dimensionen von Erforschung und Verwendung zueinander? Welche Funktionen übernimmt Vielsprachigkeit in verschiedenen Texten, und wie unterscheiden sie sich je nachdem, welche Sprachen an Bord sind? Gleichen sich Verfahren der Vielsprachigkeit in Lyrik und Wissenschaft, beeinflussen sie sich gegenseitig, oder existieren sie völlig unabhängig voneinander?

 

Gespräch: Dagmara Kraus,  Viktor Fritzenkötter, Cia Rinne

 

Fr. 16.30-18.00 

Adressiert & erreicht? (1) Erfahrungen aus der Vermittlungspraxis

Gespräch

Die Lyrikvermittlung an den Schulen ist seit einigen Jahren im Umbruch. Zugleich sind Forderungen an die Literaturwissenschaft lauter geworden, ihre Anbindung an gesellschaftliche Diskurse sicherzustellen. Die Frage, wie gelungene Lyrik- und Wissenschaftsvermittlung aussieht, an wen sie sich richtet, und wie sie ihre Zielgruppen erreicht, hat dadurch neue Dringlichkeit erhalten. Eine Wissenschaftlerin, eine Dichterin und eine Doktorandin geben Einblick in ihre Erfahrungen aus der Vermittlungspraxis – an der Universität, an der Schule, als Lehrende und Adressatinnen. Welche Methoden sind für welche Zielgruppen produktiv? Wo können die Erfahrungen ‚der Unterrichteten’ den Dingen einen neuen Dreh geben? Und kann der Wissenstransfer zwischen den verschiedenen Disziplinen neue, gemeinsame Perspektiven eröffnen?

 

Gespräch: Rabea Conrad, Karin Fellner, Irene Pieper

 

 

Adressiert & erreicht? (2) Vom Umgang mit Institutionenskepsis in Lyrik und Wissenschaft

Podiumsdiskussion

Zwischen den Wörtern „Institution“ und „Skepsis“ scheinen geradezu magnetische Anziehungskräfte zu wirken. Wissenschaft und Lyrik sind diesem Kraftfeld gleichermaßen ausgesetzt. Beide pflegen ein aktives Verhältnis zu kritischen Denktraditionen, das auch die Rolle von Institutionen hinterfragt. Zugleich werden sie selbst als ‚Institutionen’ wahrgenommen und ihre allgemeine Glaubwürdigkeit (und Relevanz) immer breiter in Frage gestellt. Und selbstverständlich sind weder „Lyrik“ noch „Wissenschaft“ Monolithen: In ihren verschiedenen Ausprägungen stoßen sie selbst immer wieder auf die skeptische Beurteilung durch „Institutionen“, meist mit greifbaren praktischen und finanziellen Konsequenzen. Wie gehen Lyrik und Wissenschaft mit dieser Gemengelage um?

 

Diskussion: Matthias Fechner, Pola Groß, Swantje Lichtenstein, Christian Schloyer

Moderation: Anja Utler

 

 

Fr. 20.00-21.00

Lyrik Macht Politik

Podiumsdiskussion

Die Bilder von Amanda Gormans Gedichtvortrag während Joe Bidens Inauguration zum US-Präsidenten wären schon Anlass genug, um über die Konstellation „Lyrik Macht Politik“ zu streiten. Hinzu kommt indes noch der scharfe Kontrast, in dem Gormans Star-Auftritt zu Monika Rincks Rede von Deutschland als einem Land steht, in dem das Verfassen und Verbreiten von Gedichten „größtenteils einfach nur ignoriert wird“. Und während eine Berliner Veranstaltungsreihe für „wehrhafte Poesie“ eintritt, die hilft „Fremdheit einzufordern“, hat der Germanist Torsten Hoffmann jüngst beobachtet, wie „die Neue Rechte seit 2000 eine umfangreiche Literaturpolitik betreibt“ und dabei einen „neuen nationalen Lyrikkanon“ einzurichten sucht. Welche Politik macht also die Lyrik und welche Formen der Ermächtigung benötigt sie? Wo wird die Lyrik von der Politik instrumentalisiert oder schlicht ignoriert? Und welche Macht oder Ohnmacht gilt es zu überwinden?

Diskussion: Jo Frank, Heike Paul, Monika Rinck

Moderation: Christian Metz

 

 

Fr. 21.30

Nachtclub – Literatur-Saloon: Lyrisches Standoff

Diskussion

Ausgehend von ihren jeweiligen Lyrik-Biographien und Studienschwerpunkten diskutiert eine Gruppe Studierender zum Reizthema „Lyrik im / neben / trotz Literaturstudium“: Warum haben so viele Studierende Berührungsängste mit Lyrik, warum sind die Lyrik-Seminare so schlecht besucht und wie kommt man überhaupt dazu, sich mit Lyrik zu beschäftigen? Ist Lyrik noch zeitgemäß? Anhand von Gedichtimpulsen wird über Lyrik-Hass, Lyrik-Lust und Lyrik-Angst gesprochen und ein neuer Lyrik-Mut erprobt. Es gibt einen Showdown mit gezogenen Gedichten, im Duell werden endlich die großen Fragen rund um die Lyrik entschieden: Kann man Lyrik verstehen oder muss man sie fühlen? Ist Lyrik unmittelbar oder hermetisch? Ist sie ver-mittelbar? Macht Lyrik Spaß oder muss man sie ernst nehmen? Und schließlich: Was denken die Studierenden darüber, wie sich (wieder) in Kontakt mit Lyrik kommen lässt?

 

Alina Tempelhoff, Carina Eckl, Susanna Fischerauer, Jakob Liebig; Moderation: Magdalena Specht

 

Fr. 10.00-18.00 

Poetische Praxis

 
Die Multimodalität von Sprache wird durch die poetischen Akteur:innen zunehmend reflektiert und gestaltet. So entfalten sich verstärkt etwa die Bildlichkeit von Schrift, die Sprachlichkeit von Videos, poetische Codierungen des Digitalen, Sprechbarkeit und Musikalität von Lyrik, ihr Hang zum Performativen. Die Dichter:innen können ihre Arbeiten auf der theoretischen Basis differenzierter Forschungen zu Medialität entwickeln; ihre Ansätze wiederum werden wissenschaftlich durchaus rezipiert. Zeit also, Theorie und Praxis zu einem vertieften Gespräch einzuladen, zur Bestandsaufnahme und gemeinsamen Weiterentwicklung medialer Perspektiven.

Die Poetische Praxis bei „eins: zum andern“ umfasst 5 Gebiete:

(1) Visuell mit Brigitta Falkner; Sabine Mainberger & Cia Rinne

(2) Performativ mit Alessandro de Francesco; Henrik Wehmeier & Heike Fiedler

(3) Hörbarkeit: mündlich mit Marc Matter; Claudia Hillebrandt & Tanasgol Sabbagh

(4) Hörbarkeit: musikalisch mit Michael Engelhardt; Frieder von Ammon & Rike Scheffler

(5) Digital mit Wiebke Vorrath; Andreas Bülhoff & Jörg Piringer

Die Gespräche zu den einzelnen Themenfeldern erstrecken sich über den ganzen Freitag und können so in unmittelbaren – lebhaften – Kontakt miteinander geraten. Viele Akteur:innen sind zudem selbst „multimodal“: gleichermaßen tätig in Wissenschaft wie Kunst, mit verschiedenen medialen Mitteln aktiv.

Eine Einführung zum Thema gibt am Vormittag Wiebke Vorrath.

Zeitliche Gliederung:
10.00-10.30 Auftakt; Einführung durch Wiebke Vorrath
10.30-11.15 Visuell
11.45-12.30 Performativ

Mittagspause

14.30-15.15 Hörbarkeit: mündlich
15.30-16.15 Hörbarkeit: musikalisch
16.45-17.30 Digital

 

 

Fr. 10.00-12.30

Geschenke an die Gegenwart

Gespräche

Sollten die Grenzen der eigenen Sprache wirklich die Grenzen der eigenen Welt markieren, dann wäre die Poesie ihr größtes Reisebüro. Sie vermittelt Expeditionen innerhalb der ‚eigenen’ Sprache genauso wie solche in entlegene Kontexte, andere Sprachen, ferne Zeiten. Aber welche Gedichte können ‚wir heute’ – in all unseren Facetten, all unseren Ungleichzeitigkeiten – zur Differenzierung unserer Welten wirklich gut gebrauchen? Vier Paare aus Dichtung und Wissenschaft haben je ein bis zwei Gedicht-Geschenke im Gepäck, geben Einblick in ihre Auswahlprozesse und begründen ihre Überlegungen.

 

Gespräche:

Lubi Barre & Sina Dell’Anno

José F.A. Oliver & Kay Wolfinger

Özlem Dündar & Katja Friedrichs

Slata Roschal & Nora Zapf

 

 

Fr. 14.30-16.00 

Kompositionen - Was macht eine gute Anthologie aus?

Anthologien arbeiten nach dem Prinzip der Signifikanz. Sie versammeln und selektieren alles, was im Hinblick auf eine bestimmte Thematik oder eine Zeit charakteristisch erscheint. Zugleich vereint sich in ihnen ein Anspruch auf poetische Qualität mit einem spezifischen Lyrikbegriff. Nur was als einschlägiges Gedicht erkennt wird, kann anthologisiert werden. Anna Bers hat mit ihrer jüngst erschienen Anthologie „Frauen | Lyrik“ auch aufgrund ihres hoch reflektierten Nachworts für Furore gesorgt. Matthias Kniep ist ab 2022 der Herausgeber des für die Lyrikszene so wichtigen „Jahrbuchs für Lyrik“. Im Gespräch tauschen sie sich über kanonisierende Auswahlprozesse, Vielstimmigkeit und Diversität sowie Kriterien für ein anthologiewürdiges Gedicht, und ihre ganz persönliche anthologische Vorgehensweise aus.

 

Gespräch: Anna Bers, Matthias Kniep

Moderation: Christian Metz

 

Fr. 16.30-18.00 

(Nicht) Durchgesetzt! Wie Diskursmacht hergestellt und verhindert wird

Podiumsdiskussion

Qualität setzt sich durch? Manchmal schon. Doch selbst wenn vorübergehende Einigkeit über das Wesen von ‚Qualität’ hergestellt scheint, bleiben andere Faktoren im Prozess wissenschaftlicher und poetischer Etablierung relevant bis dominant. Wie – und von wem – werden diskursmächtige Positionen heute hergestellt und durchgesetzt? Inwiefern unterscheiden sich die Prozesse in Dichtung und Wissenschaft? Welche Rolle spielt die feuilletonistische Literaturkritik? Wie verläuft das Definitionsgefälle für integrierende Label wie ‚spannend’, ‚wichtig’, ‚innovativ’, ‚exzellent’ etc.? Und entlang welcher Linien werden Aufnahme bzw. Ausschluss sichergestellt?

 

Diskussion: Nico Bleutge, Samuel Kramer, Olga Martynova, Ralph Müller

Moderation: Florian Kessler

 

Samstag, 18. September 2021

10.00-11.00 

Einander lesen (3): Authentisch ausgedacht und dokumentiert - Wirklichkeitszugriffe in Lyrik und Wissenschaft

Gespräch

Wissenschaftliche Texte, Quellen oder Berichte geraten zunehmend unter Fälschungs-Verdacht, und tatsächlich scheinen die gesellschaftlichen Bedingungen Fiktionen zu fördern. Die Poesie dagegen grenzt sich vermehrt von Fiktionalität ab. Zentral scheint aber hier wie dort, dass sich Texte in relevanter Weise zur Wirklichkeit verhalten. Wie signalisieren Wissenschaft und Poesie, dass sie dies leisten? Welche Konzepte von Wirklichkeit wiederholen und erzeugen sie dadurch? Ist ‚Wirklichkeit’ ein umkämpfter Begriff, der bestimmte wissenschaftliche und poetische Ansätze validiert und andere diskreditiert? Und welche Garantiefunktion übernehmen die Autor:innen?

Gespräch: Natalie Binczek, Monika Rinck, André Rudolph

 

 

10.00-11.00 

Switch! frei dilettiert

Fingerübungen in fremdem Denken: In den letzten Monaten haben sich eine Dichterin und ein Wissenschaftler in der je anderen Denk- und Schreibweise versucht. Was geschieht dabei mit dem Gegenstand, was mit der Sprache und was mit dem eigenen Denken? Wirkt die Erfahrung auf die eigene, alltägliche Arbeit zurück? Das Übungspaar gibt Einblicke in seinen Austausch, seinen Arbeitsprozess und präsentiert die Ergebnisse.

 

Präsentation: David Gabriel, Martina Hefter

 

Sa. 10.00-11.00 

Inventur: Was wäre besser anders?

Podiumsdiskussion

Zeit für eine Bestandsaufnahme und einen Blick nach vorn. Für einen intensiveren und produktiveren institutionellen Austausch zwischen Lyrik und Wissenschaft gibt es alte Erfahrungen und neue Ansätze. Welche davon sind vielversprechend, wie können sie nachhaltig etwas bewirken? In welchen Formen und Formaten können die Disziplinen besser kooperieren? Welche Vorbilder gibt es? Und wo bremsen bestehende Strukturen nachhaltige Auseinandersetzungen und Entwicklungen? Wie könnten vielversprechende Schritte aussehen?

 

Diskussion: Ulrike Draesner, Achim Geisenhanslüke, Nora Zapf

Moderation: Holger Pils

 

Sa.  11.30-12.30

Next X - Steps, Stationen, Strukturen

Diskussionen unter den Konferenzteilnehmer:innen

Nächste Schritte! Sie sollen zu neuen Kooperationen zwischen Poesie und Wissenschaft führen. Sie sollen Veränderungsmöglichkeiten und Spielräume abschreiten. Sie dürfen Wünschenswertes und Hoffnungsfrohes formulieren. Und sie tasten sich vor zu Fragen nach dem Aufwand, den Prinzipien, der Nachhaltigkeit.

 

Moderation: Alexander Rudolph / Tristan Marquardt, Christian Metz und Anja Utler

 

Sa.  14.00-15.30

Abschluss

 

„Büro der überflüssigen Worte“ - Verflüssigung: interaktives Wortrecycling mit Dirk Hülstrunk

 

„Sensing… Zukunft“

Daniel Falb & Dana Giesecke nehmen die „Sensing…“-Fäden des Eröffnungsabends wieder auf und wagen sich ins diffuseste unter den omnipräsenten Alltagsphänomenen: die Zukunft. Eine Expedition in das, was vom Kommenden schon da ist.

 

„So war’s!“

Drei haben den Überblick: Maximilian Mengeringhaus, Ulf Stolterfoht, Saskia Warzecha haben die Konferenz begleitet und teilen nun ihre Eindrücke. Lücken werden gefüllt und entdeckt, Parallelen werden gezogen und Schnittmengen ermittelt, es wird offen gelegt, was sich nicht vorhersagen ließ.

Formatglossar

 

Sensing…

im Sinne von: etwas Abstraktem nachspüren, es im Ansetzen verschiedener Perspektiven greifbar machen. Ein Experiment, in dem je eine Vertreter:in aus Wissenschaft und Lyrik zu einem Begriff frei zusammengearbeitet haben. Form und Inhalt der Resultate haben sich aus dem konkreten Arbeitsprozess entwickelt und werden der Öffentlichkeit erst im Moment ihrer Präsentation durch die Kooperationspaare zugänglich. Dies sind für:

 

Sensing… l’animot: Mara Daria Cojocaru & Michael Waltenberger

Sensing… das Archiv: Brigitte Oleschinski & Peer Trilcke

Sensing… (An-)Bindungen: Lütfiye Güzel & Friederike Reents

Sensing… das Atom: Christiane Heidrich & Klaus Mecke

Sensing… Öffentlichkeit: Mara Genschel & Judith Siegmund

Sensing… CO2: Sylvia Geist & Susanne Abel

Sensing… Zukunft: Daniel Falb & Dana Giesecke

 

Die Redeform Lyrik

wird in einem zunächst nicht-öffentlichen Gespräch durch eine gemischte Gruppe von Wissenschaftler:innen und Dichter:innen diskutiert. Die Ergebnisse werden für die anderen Konferenzteilnehmer:innen und das allgemeine Publikum visuell aufbereitet und zugänglich gemacht.

 

 

Einander lesen zapft die Kernkompetenz von Wissenschaft und Dichtung an: die genaue Lektüre. Zwei Dichter:innen und eine Wissenschaftler:in beugen sich gemeinsam über Texte, die sie im Vorfeld ausgetauscht haben, und besprechen ihre Lektüreerfahrungen unter einem bestimmten thematischen Aspekt.

 

 

Poetische Praxis bietet Gesprächsfelder zur Medialität der Lyrik. Zu fünf locker abgesteckten Themengebieten haben sich im Vorfeld je eine Wissenschaftler:in und eine Dichter:in schriftlich oder mündlich verständigt und für sie relevante Fragen zugespitzt. Über den ganzen Freitag werden wichtige Punkte aus diesen Dialogen vorgestellt. Für jedes Themenfeld werden diese Dialoge ergänzt durch eine eigenständige wissenschaftliche oder künstlerische (oder hybride) Präsentation, die den Gesprächsraum vor Ort noch weiter öffnet.

 

Für Geschenke an die Gegenwart haben sich je eine Literaturwissenschaftler:in und eine Dichter:in im Vorfeld auf ein Gedicht geeinigt (notfalls: zwei), das sie dem Publikum mitbringen und vorstellen.

 


 
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